Warum erscheint Afrika auf vielen Weltkarten kleiner, als es im Verhältnis tatsächlich ist? Und gibt es überhaupt so etwas wie eine „richtige“ Weltkarte? Mit diesen Fragen beschäftigte sich die 63. Ausgabe der Hollabrunner Vorlesungen im Erzbischöflichen Seminar Hollabrunn. Unter dem Titel „Die Macht der Kartographie – Wie Karten unsere Vorstellungen von Raum prägen“ zeigte der Geoinformatiker und Kartograph Rainer Rockenbauer MA MSc, dass Kartographie weit mehr ist als das Zeichnen von Landkarten.
Das Thema hätte aktueller kaum sein können: Die Darstellung der Welt auf Karten hatte in den Wochen vor dem Vortrag ungewöhnlich große mediale und politische Aufmerksamkeit erfahren. Rockenbauer nahm diese Diskussion zum Anlass, wissenschaftlich fundiert der Frage nachzugehen, was eine realistische Weltkarte überhaupt leisten kann – und wo jede Darstellung zwangsläufig an ihre Grenzen stößt.
Für den Vortragenden war der Abend zugleich eine Rückkehr an einen vertrauten Ort: Rainer Rockenbauer ist selbst Absolvent des Erzbischöflichen Gymnasiums Hollabrunn.
Zunächst führte Rockenbauer in die Grundlagen der Kartographie ein. Die Erde lässt sich vereinfacht als Kugel beschreiben, genauer betrachtet entspricht ihre Form einem Rotationsellipsoid. Wer diese dreidimensionale Oberfläche auf einer zweidimensionalen Karte darstellen möchte, steht daher vor einem unlösbaren Grundproblem: Verzerrungen lassen sich nicht vollständig vermeiden. Der Globus bleibt die einzige verzerrungsfreie Darstellung der Erde.
Entscheidend ist deshalb, welche Eigenschaften bei einer Kartenprojektion erhalten bleiben sollen. Rockenbauer erklärte anschaulich die Unterschiede zwischen winkeltreuen, flächentreuen und längentreuen Projektionen sowie verschiedenen Mischformen und vermittelnden Projektionen.
Eine besondere Rolle spielte dabei die Mercator-Projektion. Die erste Karte mit dieser Projektion entstand 1569 und geht auf Gerhard Mercator zurück. Bis heute besitzt sie große praktische Bedeutung: Durch ihre Winkeltreue eignet sie sich hervorragend für die Navigation und auch für die Online-Kartographie. Wer jedoch die tatsächlichen Größenverhältnisse von Ländern und Kontinenten vergleichen möchte, benötigt eine flächentreue Darstellung.
Gerade dieser Vergleich sorgte für so manchen Aha-Effekt: Wie groß ist ein Land wirklich? Erst wenn Flächen in den richtigen Relationen dargestellt werden, verändert sich mitunter das vertraute Bild der Welt beträchtlich.
Eine zentrale Erkenntnis des Abends lautete daher: Die Wahl der Kartenprojektion muss immer vom jeweiligen Verwendungszweck abhängen. Was für Navigation oder digitale Karten optimal ist, muss für Bildungszwecke oder Größenvergleiche keineswegs die beste Lösung sein. Gleichzeitig betonte Rockenbauer, dass auch die passende Projektion allein noch lange keine gute Karte ausmacht.
Damit ordnete der Experte auch das zuletzt große Medienecho rund um Weltkarten sachlich ein. Gerade für Bildung und öffentlichen Diskurs sei es wichtig, sich bewusst zu machen, dass Karten keine vollkommen neutrale Abbildung der Wirklichkeit darstellen können, sondern immer auf bestimmten Entscheidungen und Zielsetzungen beruhen.
Zum Abschluss gab Rockenbauer den Besucherinnen und Besuchern auch Einblick in das Berufsbild des Geoinformatikers und zeigte damit, wie vielfältig die Verbindung von Geographie, Kartographie und moderner Informationstechnologie heute ist.
Die 63. Hollabrunner Vorlesung machte deutlich, dass hinter einer scheinbar einfachen Weltkarte überraschend viel Mathematik, Wissenschaft und auch gesellschaftliche Relevanz steckt. Und so dürfte mancher Gast nach diesem Abend eine Karte wohl mit etwas anderen Augen betrachtet haben.
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